„Es geht in diesem Buch nicht um das Anprangern des deutschen Imperialismus als einer maßlosen Machtpolitik, sondern um die Analyse seiner Voraussetzungen und seiner Stellung im Staatensystem. Aber eben hier gibt es Grenzen der Machtentfaltung, die nicht überschritten werden dürfen durch ein »Periklitieren« (um ein Bismarcksches Wort zu gebrauchen) über das einem Staatswesen Zuträgliche und Mögliche hinaus; und es gibt ein Überwiegen des Militärischen in Staat, Gesellschaft und Geistesverfassung einer Nation (zumal wenn es sich noch steigert durch einen Wirtschaftsimperialismus), das selbstzerstörerisch sein kann. Schließlich hat das Deutsche Reich eine Politik geführt, die eine Überschätzung und eine Überspannung seiner Kräfte darstellte und zu seinem eigenen und Europas Niedergang führte. Solche Erscheinungen aufzuweisen gehört zu den legitimen und zentralen Aufgaben des Historikers.“
Fritz Fischer, Begleitwort zu „Griff Nach der Weltmacht“, Hamburg, den 9. Januar 1977.
„Immer mehr zeigt sich, was wahre Kriegsursache ist: die Wirtschaft und der dumpfe Geisteszustand unaufgeklärter und aufgehetzter Massen. Was aber fast völlig fehlt, das ist die pazifistische Propaganda im Alltag, auf der Gasse, in der Vierzimmerwohnung, auf öffentlichen Plätzen – der Pazifismus als Selbstverständlichkeit. […] Ich glaube, daß man weiterkommt, wenn man die Wahrheit sagt: Daß niemand von uns Lust hat, zu sterben – und bestimmt keiner, für eine solche Sache zu sterben.“
Kurt Tucholsky, „Über wirkungsvollen Pazifismus“, 1927.
Von Fritz Fischers Analyse der imperialistischen Ambitionen des Deutschen Reiches können wir heute viel zur Verhinderung weiterer Kriege lernen. Insbesondere die Rolle des Militärischen für eine negative Entwicklung der Kultur sowie wiederum die Rolle der Egalität für eine positive Entwicklung gilt es zu begreifen, um die Egalität im Konflikt mit dem Militärischen durchzusetzen. Denn im Gegensatz zu vielen Geschichtsbüchern ist die Geschichte nicht die der großen Männer, sondern unsere.
Die Wiedereinführung einer “freiwilligen” Wehrpflicht in Deutschland ist ein fataler Schritt weg von einer aus zwei Weltkriegen resultierenden strukturellen (kein Militär) und positionellen (Friedensgebot im Grundgesetz) Nichtangriffsfähigkeit hin zu einer Gesellschaft, in der alles und jede:r dem Militär und damit dem Krieg untergeordnet sein soll. Die Universitäten trifft das mehrfach, zum einen wird Geld statt in die Bildung in die Aufrüstung gesteckt, und die Forschung soll zunehmend von Geldern aus der Rüstungsindustrie abhängig werden. Zum anderen sollen junge Menschen durch den Militärdienst Gehorsamkeit und Vaterlandsliebe “lernen”. Dabei sind unsere Neugier, Kritik und Menschenfreundlichkeit keine Schwächen, die uns ausgetrieben werden müssen, sondern die Grundlage jedes guten wissenschaftlichen Arbeitens.
Als Historiker:innen kommt uns für die Entwicklung einer friedlichen Gesellschaft eine besondere Rolle zu. Wir analysieren das schon einmal Dagewesene und können damit aktiv dazu beitragen, dass wir gesamtgesellschaftlich aus Fehlern und Fortschritten der Vergangenheit für heute lernen. Die Erforschung und Sichtbarmachung von historischen Kriegs- sowie Friedensursachen ist aktueller denn je. Hierfür ist es im Wesentlichen notwendig, sich und anderen beizumessen, diese Bedeutung wahrnehmen zu wollen und zu können.
Das Wollen und das Können müssen im Studium herausgebildet und qualifiziert werden. Hierfür ist dringend notwendig, wegzukommen vom leistungsgetriebenen Studium und hin zu solidarischem Lernen und Streiten. Das heißt auch weg von Seminaren, die vollständig mit Präsentationen gefüllt sind, hin zu projektorientierten Seminaren. Das schafft Bewusstsein für das eigene wissenschaftliche Tun und damit auch Freude am Eingreifen für eine geschichtsbewusstere und damit bessere Gesellschaft.
In diesem Sinne wollen wir als FSR gemeinsam mit euch wirken.
Bisheriges Engagement als Kritische Fachschaftsaktive und zukünftige Vorhaben:
Studienreform – Bildung statt Büffelei
Lernen ist freudvolle Aneignung wissenschaftlicher Erkenntnisse sowie das Bilden neuer Einsichten. Hierfür braucht es eine Studienstruktur, die dies anregt und herausfordert. Das vorhandene Studium entspricht diesem Maßstab nicht und bedarf der Reform im folgenden Sinne:
Lateinkenntnisse als Zulassungsvoraussetzung abschaffen: Nicht jeder Interessenschwerpunkt bedarf Latein zum Verständnis der historischen Epoche und Region. Somit braucht es kostenfreie, universitär angebotene Sprachkurse, um sich dem Schwerpunkt entsprechende Fremdsprachen aneignen zu können.
Abschaffung der Anwesenheitspflicht: Restriktionen helfen nicht. Statt einer Anwesenheitspflicht braucht es gute soziale Grundlagen.
Projektseminare statt unbezahlter Pflichtpraktika: Forschen und Lernen als gemeinsamer egalitärer Prozess zwischen Studierenden und Lehrenden, bei gleichzeitiger Aneignung des Handwerkzeugs, ist sowohl freudvoller als auch produktiver als Kaffeekochen.
Ein soziales Studium – Humanisierung für alle!
Das Studium als wissenschaftliche Tätigkeit ist gesellschaftlich produktive Arbeit, an der jede:r Anteil nehmen können soll, um der Gesellschaft zu neuem Fortschritt zu verhelfen. Hierfür bedarf es:
- BAföG für alle: Mindestens 1200 Euro im Monat, eltern-, alters- und herkunftsunabhängig, unbefristet, inflationsangepasst und ohne Rückzahlungen – damit der materielle Wohlstand keine Voraussetzung für das Menschenrecht auf Bildung und auf freie Wahl des Berufes darstellt.
- Ausfinanzierung des Studierendenwerks: Um bezahlbaren und guten Wohnraum sowie leckeres und günstiges Essen für alle zu gewährleisten.
- Abschaffung aller Verwaltungsgebühren, Senkung des Semesterbeitrags und ein kostenfreies ÖPNV-Ticket: Denn Reichtum ist genug da, als dass wir für unsere Tätigkeit selbst aufkommen müssten.
Aufklärerische Kultur – Eingreifen zur Verallgemeinerung
Unsere Universität ist nach der Novemberrevolution 1918/1919 als Nachfolgerin u. a. des Kolonialinstituts gegründet worden, wurde bereits vor 1933 vom NS-Studentenbund faschisiert, war aber auch einer der Orte, an denen die Hamburger Weiße Rose gegen den faschistischen Terror kämpfte und initiativer Teil des Aufbruchs um 68 war. Die Zwecke und die Gestaltung der Uni sind seit jeher umstritten.
- Kritische OE: Zur Anregung eines Engagements, welches der aus der Geschichte der Uni gewachsenen Verantwortung gerecht wird. Mit antifaschistischem Campusrundgang, Einführung in die Geschichte der Universität sowie des Fachbereichs.
- Lesung aus verbrannten Büchern: 1933 verbrannten faschistische Studenten all jene Schriften, welche mit ihrer grundlegenden Menschenfreundlichkeit der faschistischen Ideologie ein Dorn im Auge waren. Zur erweiterten Aneignung aus diesem humanistischen Erbe öffentlich vorzulesen und so daran zu gedenken, ist tatkräftiger Antifaschismus.
- Ausstellung zur Geschichte des Fachbereichs: Die Ausstellung zur Geschichte des Historischen Seminars kann mittlerweile um mindestens eine weitere Tafel ergänzt werden. Der Fachbereich war, vermittelt über den Fachschaftsrat, die Speerspitze im Kampf gegen die Bologna-Reform und für die erfolgreiche Abschaffung der Studiengebühren. Auch die Zeit im Überseering und die Auswirkungen der Pandemie müssen historisch noch aufgearbeitet werden.
- Benennung der Hörsäle im Phil-Turm: Unsere Fakultät und unser Fachbereich wurden von Menschen geprägt, die beispielhaft Menschliches getan haben. Zu ihnen gehören Bruno Snell, Karl Ludwig Schneider und Reinhold Meyer, die Widerstand gegen die Nazis leisteten. Damit wir uns in unserem Handeln tagtäglich von ihrer Überzeugung anregen lassen, mit unserer Wissenschaft zur Fortentwicklung der Menschheit beizutragen, wollen wir die Hörsäle nach ihnen und weiteren Personen benennen.